Die Weigerung der Filmindustrie Geld zu verdienen
Den ganzen Buhei um die Schließung von Kino.to habt ihr ja sicherlich mitbekommen. Eine populäre Plattform, auf der man sich kostenlos (und nicht wirklich legal) Filme und Serien ansehen konnte, ist geschlossen und zwingt jetzt die Nutzer zwei Minuten nach einer Alternative zu suchen. Die Filmindustrie jubelt (zumindest kurz) und ein paar Nutzer gucken vielleicht in die Röhre (oder eben nicht – haha!). Die Nutzung solcher Plattformen ist ja auch super duper böse, moralisch verwerflich und schadet nur dem kleinen Hollywood-Schauspieler, der kaum über die Runden kommt.
Die hiesige Industrie hat sich scheinbar eine Frage nicht gestellt, dabei ist sie essentiell: Warum erfreuen sich solche Plattformen einer so großen Beliebtheit (angeblich hatte Kino.to 4 Millionen Nutzer)? Die simple Antwort einiger millionenschwerer Manager ist: Weil die Nutzer solcher Plattformen Kackvögel sind und alles nur umsonst haben wollen – “Dreckspack, ab in den Bau damit”!
Ich weigere mich, das zu glauben. Diese Position ist vielmehr Ausdruck einer hoffnungslosen Hilflosigkeit. Dafür kann es meines Erachtens zwei Gründe geben:
- Die Film- und TV-Industrie ist in absoluter Unkenntnis darüber, wie ihre sogenannte “Werberelevante Zielgruppe” heutzutage konsumiert.
- Man weiß um das geänderte Konsumverhalten bescheid, hegt aber den Funken Resthoffnung ein völlig überholtes Distributionskonzept von oben über einen dynamischen Markt zu stülpen und zu hoffen, dass die Nutzer sich dem fügen.
An 2. kann ich nicht viel ändern, ausser zu sagen: Vergesst es. Es hat keinen Sinn. Der Konsument hat sich längst emanzipiert und euer steifes Marktkonzept abgestreift. Eure Aufgabe ist es, sich dem Konsumentenverhalten anzupassen und nicht umgekehrt.
These 1 ist natürlich durch Aufklärungsarbeit zu lösen und das will ich hiermit gerne tun. Liebe Filmindustrie, so sieht es nämlich aus:
1. Das Märchen vom geizigen Konsumenten
“Der Konsument will heutzutage alles umsonst!” – diese sehr bequeme Formel der Resignation schiebt ganz leicht dem Konsumenten die Schuld in die Schuhe und macht es der Industrie natürlich einfach: Sie befreit sich jeder von jeder Mitschuld und muss sich auch eigentlich nicht verändern. Dabei ist diese Annahme völliger Blödsinn. Natürlich ist der Konsument von heute zahlungsbereit und das wissen genügend Dienste zu schätzen: Von Rapidshare, Proxy-Diensten, über Usenet-Anbieter bis hin zu in Deutschland nicht verfügbaren Plattformen wie Hulu & Co.
Gleichzeitig gilt aber auch, dass wir das Geld nicht stupide zum Fenster hinauswerfen. 8,99 € für einen Film, den ich in 48 Stunden dreimal starten darf ist genauso ein Blödsinn, wie eine verpasste Folge meiner frei empfangbaren Lieblingssoap für 1,99 € anzubieten.
2. Der selbstbestimmte Konsument
Rapidshare & Co erfüllen auch ein Komfort-Bedürfnis, dass TV-Sender und Anbieter nicht erfüllen wollen. Als Nutzer kann ich mich dank dieser Dienste aus der Gängelung der Sender befreien, Serien/Dokus/Reportagen dann zu gucken, wann es die TV-Sender wollen. Es befreit mich davon, dass ich das TV-Programm jeden Tag aufs Neue aufmerksam studieren muss, damit ich ja nichts verpasse. Oft erfährt man ja auf der Arbeit oder auch auf Twitter von interessanten Sendungen – aber dann ist es meist schon zu spät. Die Mediathek der Öffentlich-Rechtlichen ist hier ein Anfang, auch wenn die Usability ausbaufähig und die Vorratszeit von 7 Tagen nicht gerade zeitgemäß ist.
Das Fernsehprogramm passt sich auch so meinem Rhytmus an, denn ich muss nicht bus 1:00 Uhr nachts aufbleiben, nur weil ZDF neo da eine interessante Reportage versteckt hat und das ZDF am gleichen Tag um 20:15 Uhr lieber das Traumschiff sendet. Ich will zur Primetime sehen, was ich will – und nicht was irgendjemand anders will.
3. Die Wiedererlangung von Nutzerrechten
Um so etwas zu lösen gab es früher auch ein ganz einfaches Werkzeug: Den Videorekorder. Heute nennt man ihn “HDD-Receiver” und wird einem vom TV-Anbieter verkauft. Der Clou ist natürlich, dass die ursprüngliche Firmware modifiziert wird – so wie damals auf unseren Handys. Schon am Menü konnte man erkennen, bei welchem Mobilfunk-Provider man unter Vertrag stand. So ist es auch heute bei den Festplatten-Receivern. UnityMedia und Konsorten nehmen hier auch noch einen entscheidenden Eingriff vor: Über die USB-Schnittstelle kann ich weder Filme sichern, noch gesicherte Filme abspielen. Mit der Original-Firmware ist das natürlich kein Problem.
Dabei ist die Funktion notwendig, da der Receiver beim automatischen Mitschneiden des TV-Programms die Festplatte immer voller und voller schaufelt. Mitnichten löscht er nämlich die alten Daten, noch könnte ich das explizit auswählen. Das geht nur über eine komplette Formatierung der Festplatte. Ungeschautes muss dann eben gelöscht werden, Archivierung wie früher mit der Videokassette? Aufnehmen im Wohnzimmer und schauen im Schlafzimmer? No Way!
Als Nutzer wurden mir also effektiv Rechte genommen, die mir die genannten Plattformen wiedergeben.
4. Innovationsunfähigkeit der Industrie
Die Plattformen lösen damit auch das Versagen der Industrie, meine aufgenommen Sendung da zu schauen, wo ich es will. Mit meinem DVD-Recorder konnte ich damals Sendungen aufnehmen und unterwegs mit einem dieser portablen Player abspielen oder einfach in den Rechner schieben. Natürlich konnte ich auch so eine gekaufte DVD unterwegs oder zuhause gucken. Mit der DVD war alles einfach, da standardisiert. Konnte ein Gerät DVDs abspielen, konnte es DVDs abspielen. So einfach.
Und heute? HDD-Receiver, iPad, Computer, Apple-TV, Mediathek, Popcorn-Hour haben ein Player- und Codec-Chaos zur Folge, für das es keine komfortable und legale Lösung gibt, will man sich nicht stundenlang mit irgendwelchen Hacks und Decodierungsgeschichten beschäftigen. Die einfache Lösung: Ich lade von irgendeinem Portal eine Datei herunter, mit der ich die meisten Probleme löse.
4. Ist jeder Download illegal?
Gehen wir davon aus, ich habe einen Film auf einer DVD ohne Kopierschutz und ich möchte das jetzt auf dem iPad gucken. Dann muss ich also aufwendig die DVD auf den Rechner rippen und umkonvertieren – dafür braucht es eine gewisse Erfahrung und vor allem: viel Zeit. Den Rechner kann ich auch in der Zeit nicht wirklich nutzen, der ist mit der Umwandlung beschäftigt.
Einfacher und schneller ist es da, den schon bereits gekauften Film einfach im passenden Format irgendwo runterzuladen. Begehe ich damit nun ein Verbrechen? Nach meinem Verständnis zumindest nicht.
5. Die systematische Zerstörung des Serien-Vergnügens zur Gunsten der Quote
Das Serien-Gucken im TV eine Qual unter dem Diktat der Einschaltquote. Da unterbricht RTL mitten in der aktuellen Staffel von Dr. House den über mehrere Episoden aufgebauten Spannungsbogen und fängt wieder an von vorne zu senden – damit die Einschaltquote stimmt und der Zuschauer ja bei der Sendung bleibt. Genauso schlimm ist es, wie Pro7 “Two and a half Men” ausstrahlt – eine aktuelle Folge, gefolgt von zwei alten. Nur damit sich die Staffel so lange wie möglich zieht und in das Senderaster passt.
Dabei wollen wir von den ganzen Sendezeit-Verschiebungen oder dem Geschacher innerhalb einer Senderfamilie mal nicht reden. Wenn eine Serie Dienstag Abends um 21:15 Uhr auf Vox gut läuft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie bei RTL zur Primetime an einem anderen Tag läuft und dann Stück für Stück nach hinten verschoben wird. Wer im deutschen TV eine Serie guckt, verliert schnell die Lust.
6. Die Internationalität des Fernsehens
Die Lust verliert man aber auch häufig, weil die Synchronisierung eines Films oder einer Serie einfach nur grauenhaft ist. Die Stimme gibt einem Charakter erst die richtige Tiefe, ist ein enorm wichtiger Teil der schauspielerischen Leistung. Von hanebüchenen Übersetzungen wollen wir mal gar nicht reden. Manche Dinge schaut man nun einfach am besten in der Originalsprache (damit meine ich englisch). Trotz Digitalfernsehens haben die Sender es aber bis heute nicht geschafft, Serien auch optional im Originalton auszuliefern.
7. Kino- und DVD-Release: Die doppelte Geldmacherei
Ein Film kommt in die Kinos und nach einem halben Jahr darf man ihn dann auch auf DVD erwerben. War es jemals anders? Die Leute sollen ins Kino gezwungen werden – koste es, was es wolle. Das kann bei großen Blockbustern von mir aus auch gerne Sinn machen und ich ertrage es irgendwie. Aber dieses unumstößliche Gesetz gilt für jeden Film – ausnahmslos. Ob es sinnvoll ist oder nicht.
Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Im Kino läuft aktuell “Senna – Genie. Draufgänger. Legende”. Ein Doku-Film über einen der besten Formel1-Fahrer aller Zeiten. Ich war damals großer Senna Fan und habe als kleiner Junge nach Imola Rotz und Wasser geheult. Im Kino würde ich mir den Film wahrscheinlich mindestens dreimal geben. Das Problem: So groß ist das Interesse an dem Film auch wieder nicht. Schade, aber verständlich. Deshalb läuft er nur in wenigen Städten, oftmals auch nur ein einziges mal und dann auch noch in irgendwelchen Schranz-Kinos oder dergleichen. Statt jetzt eine fünf stündige Tortur auf mich zu nehmen, würde ich mir gerne einfach die DVD bestellen. Jetzt. Denn der Film läuft: Jetzt. Ich will ihn sehen: Jetzt. Aber: Nada. DVD gibt’s erst ab September, man will so viele Menschen wie möglich in die Provinz-Kinos locken:
Und ihr ahnt schon: Im Netz ist der Film bereits in Top-Qualität verfügbar.
The End
Jetzt habe ich mehr geschrieben, als ich eigentlich wollte. Ist jetzt euer Problem :)
Halten wir fest: Der Erfolg solcher Plattformen wie Kino.to basiert auf der Verweigerung Industrie, auf die geänderten Bedürfnisse der Konsumenten zu reagieren. Man ist lieber damit beschäftigt, Millionen von Dollar in die Kopiercodes von DVDs zu stecken, statt Konzepte für ein funktionierendes Distributionsmodell im Internet aufzubauen. Das Geld sahnen andere Anbieter ab: Kino.to, Usenet, amerikanische Fernsehplattformen.
Macht es das illegale downloaden von Filmen besser? Nein. Andererseits: Ohne Napster, emule und Co. wäre Apple wahrscheinlich niemals auf die Idee gekommen, iTunes zu entwickeln und uns Musik komfortabel und für einen angemessenen Preis anzubieten. Die Konsumenten haben diesen Service erzwungen. Irgendwie verrückt, dass sich eine Industrie so dagegen sträubt, Geld zu verdienen.

